gefunden in der Stuttgarter Zeitung vom 6. August 2002

Ein Retter in ausweglosen Lagen

Der Neckargemünder Shunt-Spezialist Wolf Dieter Brittinger wird im Ruhestand noch gebraucht Die Dialyse Nierenkranker hat sich in den letzten Jahrzehnten enorm verbessert. Dennoch herrscht noch immer ein Mangel an Spezialisten, die in komplizierten Fällen den lebenswichtigen Zugang zum Blutkreislauf der Patienten herstellen können. Einer ist Wolf Dieter Brittinger.

Von Johanna Eberhardt

Der Neckargemünder Shunt-Spezialist Wolf Dieter Brittinger wird im Ruhestand noch gebraucht Die Dialyse Nierenkranker hat sich in den letzten Jahrzehnten enorm verbessert. Dennoch herrscht noch immer ein Mangel an Spezialisten, die in komplizierten Fällen den lebenswichtigen Zugang zum Blutkreislauf der Patienten herstellen können. Einer ist Wolf Dieter Brittinger. Von Johanna Eberhardt Der Nephrologe und Gefäßchirurg im Fachkrankenhaus Neckargemünd bei Heidelberg gilt unter vielen Dialysepatienten aus ganz Deutschland als "die" Instanz seines Fachs und eine Art Rettungsanker in schier aussichtslosen Fällen.
"Shunt-Papst" nennen ihn viele, weil er es immer wieder schafft, bei einer Operation einen lebensnotwendigen neuen Gefäßzugang - einen so genannten Shunt - herzustellen, ohne den die Dialyse nicht möglich wäre.
"Von der Qualität dieses Eingriffs hängt unser Überleben ab", sagt ein Patient. "Der Zugang ist unsere Lebensader, und wenn die Gefäße, über die er geht, schlechter werden, verschlechtert sich auch unsere Lebensqualität."
Von der Dialyse wissen Außenstehende meist nur so viel: dass es eine langwierige, Geduld fordernde Prozedur ist, bei der eine Maschine mehrmals in der Woche die Stoffe aus dem Blut filtert, die normalerweise über die Niere ausgeschieden werden. Weit weniger bekannt ist, dass der Zugang zum Blutkreislauf nur über eine chirurgische Verbindung, einen regelrechten "Kurzschluss" (englisch Shunt) zwischen einer Arterie und einer Vene, möglich ist. Dieser Zugang ist ständig bedroht von Verschleiß, Verschlüssen und andere Komplikationen.
Ungefähr ein Viertelliter Blut muss bei der Hämodialyse pro Minute über einen Filter geleitet werden. Normale Venen am Arm reichen für den dazu nötigen starken Blutfluss nicht aus; die Arterien, die das Blut liefern könnten, liegen meist zu tief im Körper, um sie problemlos "anzuzapfen".

Jahrzehntelang suchten Mediziner nach einer Lösung dieses Problems. Den entscheidenden Schritt machten 1966 Brescia und Cimino, zwei Italiener, als sie am Handgelenk eines Patienten eine Vene mit einer benachbarten Arterie zusammennähten. Durch diese Verbindung, oft auch Fistel genannt, erhöhte sich der Druck in der Vene. Sie weitete sich, ihre Wände wurden stabiler und dicker. Damit waren die Voraussetzungen geschaffen, um sie wiederholt zu punktieren, genug Blut für die Dialyse zu gewinnen und es wieder in den Körper zurückzuführen.Doch der künstlich geschaffene Zugang war und ist ständig in Gefahr, unbrauchbar zu werden. "Es gibt Fälle, in denen ein solcher Shunt ein Leben lang funktioniert", erklärt Brittinger. "Im Durchschnitt allerdings haben sie eine Funktionszeit von zweieinhalb bis drei Jahren. Oft sind Korrekturen und Nachoperationen notwendig."
Die Gründe dafür liegen in der starken Beanspruchung durch den Eingriff selbst ebenso wie in der Abnutzung der Gefäße: das ständige Punktieren verursacht Narben, die zu Verengungen und Gerinnseln führen können, bei Fehlpunktionen kommt es zu Hämatomen; auch die künstlich herbeigeführte Verdickung der Vene kann zu Engpässen führen. Dazu kommen unsachgemäße Operationen, aber auch schlicht der natürliche Alterungsprozess der Gefäße."Früher haben wir mit fünf oder zehn Jahren Überlebenszeit gerechnet, heute gibt es in jedem Zentrum Patienten, die seit 25 oder 30 Jahren mit Erfolg behandelt werden", schildert der Arzt. "Bei vielen von ihnen ist inzwischen der Zugang zum Blutkreislauf das entscheidende Problem." 25 bis 30 Shunt-Arten gibt es derzeit. "Darunter sind einige exotische und seltene Formen, zu denen es in manchen Fällen aber keine Alternative gibt", erläutert Brittinger.Niedergelassenen Gefäßchirurgen, bedauert er, seien oft nur ein Bruchteil davon bekannt. Die Leidtragenden seien Patienten, denen gesagt werde, ihnen könne nicht geholfen werden - oder deren Gefäße durch unzureichende oder das Gewebe stark schädigende Operationen unwiederbringlich zerstört werden.
"Die Shunt-Chirurgie", erklärt Brittinger, "war bisher ein Stiefkind der Gefäßchirurgie - nicht nur in Deutschland, auch international."

Das ist eine der Erklärungen dafür, warum das Fachkrankenhaus Neckargemünd der SRH-Gruppe (die frühere Stiftung Rehabilitation) in Heidelberg zusammen mit einigen anderen eher kleinen Kliniken in ganz Deutschland zu den wichtigsten Anlaufstellen für die Betroffenen zählt und es kaum namhafte universitäre Zentren für diesen Zweig der Gefäßchirurgie gibt.2800 Shunts operieren Brittinger und sein Team pro Jahr. "Das ist mit Abstand die größte Zahl in Deutschland", erklärt er. Es gab Jahre, in denen hat er allein 1800 Shunts im Jahr angelegt - in Tag- und Nachtarbeit, weil die Nachfrage so groß war. "Ich habe mein Leben lang nie einen Patienten abgelehnt", sagt Brittinger, "und die zuweisenden Ärzte wussten, wenn es brennt, wird einem hier geholfen. Auch nachts um zwölf."

Mit der Dialysemedizin war er erstmals 1967 in seiner Assistentenzeit im Mannheimer Klinikum als junger Internist mit chirurgischen Erfahrungen in Kontakt gekommen. Sein Chefarzt hatte ihn, wie auch seine Kollegen, zu der Arbeit auf der damals ungeliebten neuen Station verdonnert, in die keiner wollte. "Zwei Tage später wusste ich, dass ich dort bleiben würde", erklärt Brittinger im Rückblick. "Mir war klar, da ist ein Gebiet, wo höchster Bedarf bestand, wo nichts von selbst lief. Da war ein Feld zu beackern - wir mussten alles selbst machen, kein Chirurg hatte eine Ahnung, was ein Shunt war."
In der Folgezeit hat er sich das Spezialgebiet mit Unterstützung von Fachleuten im In- und Ausland als Autodidakt erarbeitet. 1972 habilitierte er sich über das Thema "Anschlussverfahren an die künstliche Niere". 1976, als ihm an der neuen Klinik des Neckargemünder Rehabilitationszentrums die Leitung der Inneren Medizin angeboten wurde, ging er in die "Provinz". Dort konnte er eigene Schwerpunkte setzen und sein interdisziplinäres Team mitbringen.

Vor einem Monat wurde er in den Ruhestand verabschiedet. Doch gebraucht wird er noch immer. Zweimal in der Woche operiert der 65-Jährige auch weiterhin. Für einige schwierige Shunt-Arten, "die alternativlos sind, aber auch schwer zu vermitteln, bin ich noch nicht so leicht ersetzbar", gesteht er. "Es kommt mir aber auch entgegen, dass ich noch weiter arbeiten kann." Ein Leben lang Hochseilartistik "und dann ist man von dem einen Tag auf den andern pensioniert - das ist doch schizophren", sagt er.Sein größter Zukunftswunsch "schon seit Jahrzehnten" ist eine flächendeckende Versorgung mit Shunt-Zentren. "Auch wenn die Anfahrtswege etwas länger wären, könnten die Patienten dort nach den aktuellsten Standards versorgt werden und nach klaren Konzepten, die künftige nötige Operationen nicht behindern", erklärt Brittinger.

Anmerkung 26-11-2008: Prof. Dr. Brittinger ist zwischenzeitlich im wohlverdienten Ruhestand