Ein großer Arzt und Wissenschaftler:

Belding Scribner (geb. 18. Januar 1921 in Chicago - gest. 19. Juni 2003 in Seattle)

Im Jahr 2002 bekam Belding Scribner den begehrten Albert Lasker Award für seine klinische und mediziische Leistungen und der Erfindung des nach ihm benannten Scribner Shunts.

Ein Interview mit Belding Scribner über seine Idee, die Umsetzung und Verwirklichung seiner Erfindung: der Dialyseshunt

(Bericht und freie Übersetzung des Interviews von Thomas Lehn, 2009, (Quellen u. Fotos: Nature Medicin/New York)

Eric B. Larson

Belding Scribner

Am 25.September 2002 interviewte Dr. Eric Larson, medizinischer Direktor des Medical Centers der Universität in Washington Dr. Belding Scribner, der maßgeblich die Entwicklung der Hämodialyse beim Menschen mitbeteiligt war. Durch seine Erfindung ist das meist tödlich verlaufende Nierenversagen bei Millionen von niereninsuffizienten Patienten zu einer lebensverlängernde Behandlung geworden.

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Guten Morgen, mein Name ist Dr. Eric Larson. Ich bin der Ärztliche Direktor des Medical Centers der Universität von Washington, ehemals Universitätsklinikum in Seattle auf dem Campus der Universität von Washington.

Ich befinde mich heute, an einem wunderschönen Herbsttag zu Hause bei Belding und Ethel Scribner. Sie leben hier in einem Hausboot auf dem Portage Bay bei Seattle. Ich bin hier, um mit Dr. Belding Scribner zu sprechen, der vor kurzem mit dem Albert Lasker-Preis für seinen Verdienst der Entwicklung des Blutanschlusses an die Hämodialyse ausgezeichnet wurde. Scribner und ich haben uns schon 1975 in Seattle bei seiner Arbeit kennen gelernt. Er ist eine Legende, wenn es um die Entwicklung seiner lebensrettenden medizinischen Technologie geht. "Herr Scribner, zu Beginn erzählen Sie mir in wenigen Worten, was ist mit den Menschen passiert, bevor Sie Ihren Scribner Shunt entwickelt haben?"

Belding Scribner:
Nun, es war eine erschütternde Erfahrung, und ich denke, nur diese erschütternde Erfahrungen waren der Grund, dass wir begonnen haben. Wir hatten einen Mann aus Spokane, der uns überwiesen wurde. Er hatte ein reversibles Nierenversagen und reagierte wunderbar auf die Dialysebehandlung. Nach ein paar Tagen war er wieder auf den Beinen und sah gut aus. Wir machten ihm eine Nierenbiopsie und entnahmen ihm ein Stück der Niere um sie zu untersuchen. Wir stellten fest, dass er eine schnell fortschreitende GN hatte, und er bald sterben würde. Wir hatten keine Möglichkeit ihn noch mal zu dialysieren. Daher haben wir ihn wieder nach Spokane zum Sterben zurück geschickt. Er starb in seiner Heimat. Es bedrückte mich sehr und ich wurde Mitte in der Nacht wach und hatte - Oh mein Gott, die Idee - die Shunt-Idee war geboren.

Larson:
War das hier an der Universitätsklinik

Scribner:
Ja.

Larson:
Wann war das?

Scribner:
1960

Larson:
Wirklich?

Scribner:
Ich glaube nicht, dass die Klinik schon so lange besteht?

Larson:
Zu diesem Zeitpunkt bestand das Krankenhaus schon zwei Jahre. Das war ganz am Anfang. Wie haben Sie das Problem erkannt? Wann haben Sie erstmals über Langzeit-Hämodialyse nachgedacht?

Scribner:
Nun, ich dachte zuerst an den Shunt. Du benutzt jedes Mal ein Blutgefäß vom Patienten für die Dialyse. Wir dialysierten dreimal und verwenden drei verschiedene Arterien und Venen, und ich habe zu den Kollegn gesagt: Mensch man könnte doch einen Shunt machen, in dem man dauerhaft eine Arterie mit der Vene verbindet, um vielleicht Menschen für eine lange Zeit zu dialysieren.

Larson:
Hatten nicht schon Forscher vor Ihnen die Idee gehabr?

Scribner:
!949 hatte schon Niels Alvar in Schweden die Idee gehabt. Wir hatten aber das Glück, dass DuPont gerade das Teflon entwickelt und auf den Markt gebracht hatte. Durch Zufall hatte ich davon gehört. Sie kennen die Geschichte. Ich traf den Chirurgen, Loren Winterscheid. Er Sagte zu mir: "Haben Sie jemals schon etwas von Teflon gehört?" Ich erwiderte ihm: "Nein!" Er sagte: "Nun dann gehen Sie mal in die zentrale Servicestelle und werfen Sie einen Blick auf die Rolle Teflon."
Ich ging dorthin und sah mir das Teflon an. Es wurde offenbar zu experimentelle Versuche genutzt. Wayne Quinton, der Ingenieur gelernt hatte, zeigte mir, wie man das Teflon in Form zu einem Shunt biegen konnte.

Larson:
Wie haben Sie sich mit Wayne Quinton getroffen? Wie war die Zusammenarbeit?

Scribner:
Ursprünglich hatte Wayne Quinton ein Geschäft mit medizinischen bzw. chirurgischen Zubehör und Instrumenten. Daher hatte er ehr viel Geschick mit diesen medizinischen Geräten. Da war noch der Chirurg Dave Dillard, der sehr viel Geduld am OP-Tisch zeigte. Zusammen wollten wir meine Idee verwirklichen und den Shunt am Patienten einsetzen.
Wir suchten einen Patient mit akutem Nierenversagen. Hauptsache unser Shunt hielt für ein paar Tage. So geschah es, dass zu diesem Zeitpunkt Clyde Shields, ein Maschinenschlosser bei Boeing, im Sterben lag. Die Urämie war so weit bei ihm fortgeschritten, dass wir ihn in unserer Klinik am 9. März 1960 operierten. Sie denken: Der Rest ist Geschichte! Nicht wirklich, es waren so viele medizinische Probleme, die auf uns zukamen.

Larson:
Nun, war es das Teflon? Sie hatten nur Erfahrung mit Glas als Kanülisierung? Was war denn nun geschehen?

Scribner:
Nun, Teflon hat eine enorme Antihaft-Oberfläche, die den Mechanismus der Gerinnungszeit des Blutes veränderte. Es stellte sich heraus, dass Teflon die schlechtere Wahl war und später versuchten wir es mit Silikon. Wir waren guter Dinge und hatten die technische Seite im Griff. Natürlich ist unser Shunt durch die Sache der Jungs in Brooklyn (Cimino) etwas in den Hintergrund geraten. Sie hatten die Entwicklung der AV-Fistel, wo gerade mal eine Arterie an einer Vene am Handgelenk zu einer natürlichen Gefäßverbindung zusammengenäht wird, irrelevant beeinflusst.

Scribner Shunt. Das ist der erste Scribner Shunt. Durch diese Erfindung wurde erst die chronische Hämodialyse möglich.

(Quelle: Archiv of the University of Washington.)

Larson:
Also man hatte nun das synthetisches Material. Musste man wegen den Gerinnungsproblemen noch die Dialyse abrechen?

Scribner:
Ja, aber nur nicht mehr so häufig. Also wie gesagt: Clyde war mein erster Patient. Leider verlor er ziemlich schnell seine eigene Nierenfunktion. Er hatte die Gicht als eine weitere recht schnell fortschreitende Erkrankung. Ich dialysierte ihn häufig, in dem wir ihm sehr viel Salz entzogen. Darauf ging sein hoher Blutdruck runter. Nun war er zunächst von der Hypertonie geheilt. Leider entwickelte er diese bösartighe Gicht in einem großen Fußzeh. Ich konnte auch diese diese Gicht mit Hilfe einer höheren Dosis Dialyse bekämpfen.

Clyde Shields

Feierstunde mit den ersten drei Langzeit-Dialysepatienten mit chronischer Hämodialyse am zehnten Jahrestag der chronischen Hämodialyse in Seattle, 1970.
von rechts: Harvey Gentry Linke (zweiter Patient von Dr. Scribner, Alter 32), Clyde Shields (Alter 49), Dr. Belding Scribner und Rolin Heming (dritter Patient von Dr. Scribner). Diese und andere Patienten haben durch die Erfindung vom Team Scribner profitiert und durften weiter leben.

(Quelle: Archiv of the University of Washington)

Larson:
Wie lange überlebte Clyde?

Scribner:
elf Jahre

Larson:
Elf Jahre? Er wäre gestorben, ohne Ihren Shunt und dier Dialyse. Hatte er im Laufe seiner Dialysezeit eine AV-Fistel bekommen oder verwendete er Ihren Scribner Shunt für die elf Jahre?

Scribner:
Ich kann mich nicht genau mehr daran erinnern. Aber er hat erstaunlich lang den ersten Shunt gehabt.

Larson:
Die Kombination Glück und die richtigen Leute haben das technische Problem eines Gefäßanschlusses gelöst. Wenn man so will, haben Sie den Schlüssel für eine langfristige Dialysebehandlung gefunden.

Scribner:
Ja natürlich auch mit einer Menge Phantasie. Dass man gerade den Bluthochdruck durch die Dialyse behandeln kann, wurde niemals vorher beschrieben. Bekannt war, dass die tatsächliche Behandlung des Bluthochdrucks nur unter Berücksichtigung des ECV erfolgversprechend war. Dies war uns bekannt: Wir wussten dies nur aus der Literatur und mussten dies herausfinden.

Larson:
Dann zeigten Sie, dass es auch so (mit der Hämodialyse)geht.
Ich habe eine Geschichte über Sie gehört, als Sie Ihre ersten Ergebnisse mit dem Scribner Shunt bei einem Treffen (Atlantic City Meetings) präsentiert haben. Können Sie mir die Geschichte erzählen? Ist das überhaupt eine wahre Geschichte?

Scribner:
Oh ja, das ist eine wahre Geschichte.

Larson:
Was war geschehen?

Scribner:
Nun, wir präsentierten zuerst unsere Shuntergebnisse der American Society of Clinical Investigation in Chicago. Da gab keine Berichterstattung in der Presse. Wir wollten dies nicht, weil es noch zu früh war, um unsere Ergebnisse zu veröffentlichen. Doch nach zwei Jahren beschlossen wir, ein Abstract von unserer Arbeit der American Society of Clinical Investigation zu übergeben. Wir trafen uns am Steel Pier in Atlantic City. Zur Tageszeit gestaltet sich dieser Ort als Auditorium oder Meetingpoint und in der Nacht waren da Shows zu sehen. Ich hatte darauf keine Lust.
Nun nutzte ich die Chance, meine erste richtige Präsentation während des Programms zu zeigen. Die Leute zeigten sich nicht interessiert und unterhielten sich über upskure Dinge. Schließlich machte ich diesem Unsinn ein Ende und zeigte das Foto von Jim Alvers, einem Dialysepatienen von mir. Er hatte seinen Doktortitel in Physik gemacht, obwohl er an die Dialysemaschine mußte. Darauf hin hatte ich die Aufmerksamkeit auf mich wieder hergestellt, und ich die Menschen jubelten und das Ganze endete mit einem Standingovation. Das war unglaublich.

Larson:
Die Kombination Glück und mit den richtigen Leute, die Sie an Ihrer Seite hatten, hatte Sie das technische Problem eines Gefäßanschlusses gelöst. Wenn man so will, haben Sie den Schlüssel für eine langfristige Dialysebehandlung gefunden.

Scribner:
Ja, natürlich auch mit einer Menge Phantasie. Dass man gerade den Bluthochdruck durch die Dialyse behandeln kann, wurde niemals vorher beschrieben. Bekannt war, dass die tatsächliche Behandlung des Bluthochdrucks unter Berücksichtigung des ECV erfolgversprechend war. Es war bekannt, aber wir wussten dies nur aus der Literatur und konnten dies nun herausfinden.

Larson:
Und dann zu demonstrieren, dass es auch so geht. Ich habe eine Geschichte über Sie gehört, dass Sie Ihre ersten Ergebnisse über Ihren Shunt bei Treffen in Atlantic City präsentiert haben. Können Sie mir die Geschichte erzählen und ist sie vor allem wahr?

Scribner:
Oh ja, das ist eine wahre Geschichte.

Larson:
Was war geschehen?

Scribner:
Nun, wir hatten unsere Shuntergebnisse anfangs in Chicago der American Society for artificial organs präsentiert, aber ohne eine Berichterstattung in der Presse. Wir wollten dies nicht, weil es uns zu früh erschien, unsere Ergebnisse zu veröffentlichen.

Aber nach zwei Jahren beschlossen wir, einen Abstract der American Society of Clinical Investigation zu übergeben. Wir trafen uns am Steel Pier in Atlantic City. Am Tag wurde dieser Ort zu wissenschaftliche Meetings genutzt und am Abend wurden da Shows geboten. Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Nun hatte ich die Chance, meine erste richtige Präsentation während des Programms zu zeigen. Der Veranstalter, der mich ankündigte, sprach von irgendwelche obskure Transportsysteme oder ähnliches, was ich erfunden hätte. Schließlich machte ich diesem Unsinn ein Ende und zeigte ein Foto vom Shunt und von Jim Alvers, einem Dialysepatient von mir. Er hatte gerade seinen Doktortitel in Physik gemacht, als er Dialysepatient wurde. Daraufhin jubelten die Zuhörer, und ich erntete Standingovation. Sie hatten niemals vorher so etwas gehört. Das war unglaublich.

Larson:
Das war so wie die Auferstehung vom Messias, nicht wahr? Der König ist auferstanden!

Scribner:
Wie auch immer, es war sehr spannend und für mich völlig unerwartet, ich wusste nicht, was gerade passiert war.

Larson:
Was haben Sie getan? Schnell mal von der Bühne verschwinden oder bleiben und lächeln?

Scribner:
Ich stand nur da und lächelte. Nach diesem Auftritt hatte ich plötzlich Termine und Verhandlungen mit der Presse. Der New York Times und der Harald Tribune stellte ich meine Arbeiten vor. Ich war plötzlich in aller Munde. Dann, nach und nach waren die medizinischen Zeitschriften voll mit meinem Shunt. Nun kamen wir auch im Life Magazin, dessen Leute nach Seattle zu mir kamen. Wir dachten, sie wollten mit Harvey und Clyde oder jemand von meinen anderen Patienten sprechen. Keineswegs.
Shane Alexander wollte mit diesem Kommitee sprechen, Und wie die ganze Geschichte zu Stande kam.

Larson:
Wir sollten mal zurückverfolgen und über das Kommitee sprechen, wann dieses gegründet wurde und welche Probleme sich Ihnen in den Weg stellten.

Scribner:
Meine Kollegen sagten alle, dass ich dieses Kommitee erfunden hatte. Das stimmt nicht ganz so. Wir bekamen die Aufforderung von der John A. Hartford-Stiftung, eine Klinik zu eröffnen, um der Stiftung die Durchführbarkeit der neuen Technik zu demonstrieren. Wir hatten nun die Aufgabe, Patienten für die Dialyse auswählen: Der Druck war für uns natürlich ganz enorm.
Ich übergab das Problem der King County Medical Society, wo Jim Haviland Präsident in diesem Jahr war. Er und die Gesellschaft dachte sich eine Methode aus: ein Ärzteausschuß (medical committee) bestimmte zuerst einmal die Patienten und dann der Ausschuss (lay committee) traf die endgültige Auswahl. Aber diese Auswahl wurde nachhinein kritisiert.

Larson:
In einem Wort: Gerade das machte Sie betroffen?

Scribner:
Ja, das waren nicht durchführbare Entscheidungen.

Larson:
Man hätte das Leben von mehr Menschen retten können. Da gab es nun so etwas wie ein Zugfahrschein, wenn Sie es so wollen.

Scribner:
Das erste, was der Ausschuss der King County Medical Society tat, als sie dieses Problem erkannten, zu beschließen, dass Einwohner des Staates Washington zuerst für die Dialyse qualifiziert wurden. Das war das Einzigste, was der Ausschuss tat. Dann löste sich dieser Ausschuss auf.

Larson:
Wie war das möglich? Sie waren doch in diesem Ausschuss? Oder arbeitete der Ausschuss völlig unabhängig?

Scribner:
Völlig unabhängig von der Universität.
Ich hatte einen Streit mit John Hovnis, da ich einen Patienten hatte, der dringend an die Dialyse mußte. Der Ausschuss sagte schließlich - okay, ich könne ihn in der Universitätsklinik erstmal dialysieren bis das Dialysecenter geöffnet wird.

Larson:
Ich erinnere mich an die Life-Magazin Artikel. In diesem Artikel zeigte man, Menschen in dem Kommitee ohne Gesichter, sie waren als Silhouette dargestellt

Scribner:
Menschen würden für die Kommitees gesucht und dem Centrum zugeteilt. Natürlich sprach es sich bald herum, dass Menschen (nicht für das medizinische Komitee) für den Laien Ausschuss ausgesucht wurden.

Larson:
Und das medizinische Komitee mußte Regeln erstellen, um so medizinisch geeignete Kandidaten zu finden, die überleben durften und so weiter.

Scribner:
Ideale Kandidaten. Sind Sie ruhig! Zum Beispiel durfte niemand alter als 45 Jahre sein. Es wurde sehr streng vollzogen. Wir wurden überflutet mit Bewerbern.

Larson:
Aus dem ganzen Land.

Scribner:
Nein, nur aus dem Bundesstaat Washington.

Larson:
Aber was passierte zur gleichen Zeit mit den Menschen im ganzen Land?

Scribner:
Was glauben Sie wohl?

Fortsetzung in Bearbeitung!!