Interview mit Dr. med. Thomas Röder,
Chefarzt der Dialyseshuntchirurgie in der
HELIOS Klinik Blankenhain bei Weimar

Dr. med. Thomas Röder
Chefarzt Zentrum für Dialyseshuntchirurgie

HELIOS Klinik Blankenhain
Wirthstraße 5
99444 Blankenhain

"Nur ein Dialyseshunt, mit dem Nephrologe und Patient zurecht kommen,
ist ein guter Dialyseshunt!"

Foto: Thomas Lehn führte das Interview (!2/2009)

Fotos: HELIOS Klinik Dialyseshuntchirurgie Blankenhain
Dr. med. Thomas Röder

Dieser bemerkenswerte Ausspruch stammt von Herrn Prof. Brittinger aus Neckargemünd, einer der „größten Shuntchirurgen“ weltweit, der sich schon seit einigen Jahren im wohlverdienten Ruhestand befindet.

Aber nach wie vor ist dieser nennenswerte Ausspruch aktuell und lohnenswert, sich mit diesem Thema zu befassen.

Ich nutzte die Gelegenheit, nach dem „Symposium Dialyseshuntchirurgie“ 2009 in Weimar einige Fragen zu diesem Thema an Herrn Dr. Röder zu stellen:

Herr Dr. Röder, ist im Webportal: www.dialyseshunt.com vertreten und den Lesern der Patientenzeitschriften kein Unbekannter. Auch ich kenne Ihn schon aus seiner Oberarztzeit im Shunt- Kompetenzzentrum in Neckargemünd, als er mit seinem damaligen Chef Herrn Prof. Brittinger, unzählige Dialyseshunts und Shuntrevisionen operiert hat. Herr Dr. Röder sammelte anhand von über 4800 Operationen bis heute seine Erfahrungen und ist in Deutschland einer der führenden Shuntchirurgen. Aus seinem OP- Katalog „Shuntchirurgie“ kann man entnehmen, dass er das gesamte Spektrum der Shuntanschlussmöglichkeiten kennt, aber auch komplizierte Revisionen durchführen kann. Seit Oktober 2007 ist er als Chefarzt im Zentrum für Dialyseshuntchirurgie in der HELIOS Klinik Blankenhain bei Weimar tätig.

Fotos: HELIOS Klinik Dialyseshuntchirurgie Blankenhain
Symposium Shuntchirurgie 2009

Th. Lehn

Herr Dr. Röder, Sie sprachen in Ihrem Vortrag von einer seriösen und umfassenden Shuntchirurgie, die jedoch nicht mehr als „Nebenbei-Chirurgie“ (angehängt an das tägliche Operationsprogramm) in gefäßchirurgischen Abteilungen verstanden werden dürfe.
Offensichtlich wird die operative Shuntanlage immer noch als Anfänger-Operation betrachtet und zur Ausbildung in der Gefäßchirurgie benutzt. Ist das wirklich so?

Dr. Th. Röder

Wenn ich in meinem Vortrag von einer seriösen und umfassenden Shuntchirurgie gesprochen habe, so wollte ich darauf hinweisen, dass es sich hierbei nicht nur um Erstanlagen handeln kann, sondern insbesondere auch Korrekturoperationen im Rahmen von Komplikationen durch einen ernsthaften Shuntoperateur durchzuführen sind.

Insgesamt handelt es sich bei der Dialyseshuntchirurgie um eine ausgesprochen filigrane Subspezifität der konventionellen Gedäßchirurgie, die ein erhebliches Quantum an Erfahrung vorausgesetzt und zudem auch zeitlich ausgesprochen aufwendig ist, so dass diese Art der Dialyseshuntchirurgie nicht neben einer konventionellen Gefäßchirurgie zu betreiben ist, will man nicht Abstriche machen, die der Qualität abträglich sind.

Die Dialyseshuntchirurgie ist keine Chirurgie für den Anfänger, gleichwohl muss der interessierte Arzt behutsam unter der Führung eines erfahrenen Shuntchirurgen an dieses Gebiet herangeführt werden.

Die Realität sieht oftmals so aus, dass es in vielen gefäßchirurgischen Abteilungen immer noch Usus ist, die Shuntchirurgie an das normale Operationsprogramm anzuhängen und ihr nicht den Stellenwert einzuräumen, den sie für sich beanspruchen muss.

Um so erfreuter sind wir darüber, dass in Blankenhain ein Zentrum für Dialyseshuntchirurgie etabliert werden konnte, welches in Thüringen zur Zeit einzigartig ist, wie es überhaupt in Deutschland nur sehr wenige Zentren gibt, die sich ausschließlich mit dem Gebiet der Dialyseshuntchirurgie beschäftigen, wie Sie selbst nur zu gut wissen.

Th. Lehn

Sie setzen sich in Ihrer Klinik dafür ein, dass auch junge Ärzte im Rahmen der gefäßchirurgischen Ausbildung besonders an die Shuntchirurgie herangeführt werden und auch hier eine zukünftige Chance für sich erkennen. Wie stellen Sie sich eine derartige Ausbildung junger Kollegen vor?

Dr. Th. Röder

Natürlich setze ich mich als von der Sache her begeisterter Shuntchirurg dafür ein, dass junge Kollegen an dieses hochinteressante Spezialgebiet der Gefäßchirurgie herangeführt werden, nicht zuletzt aus dem Grunde, um eine hoch qualifizierte Shuntchirurgie in Deutschland auch für die Zukunft im Interesse unserer Patienten gewährleisten zu können.

Ein junger Kollege, der sich für die Dialyseshuntchirurgie interessiert, sollte eine fundierte allgemeinchirurgische Ausbildung mit dem Abschluss Facharzt für Chirurgie nachweisen können; idealerweise wird er den Facharzt für Gefäßchirurgie anstreben.

Die Ausbildung in der Dialyseshuntchirurgie sollte nach meinem Verständnis über die klinische und duplexsonographische Untersuchung, hin zur Differenzialindikation der möglichen Anlagevarianten und schlussendlich der operativen Ausbildung unter der Anleitung eines im shuntchirurgischen Geschäft erfahrenen Kollegen erfolgen. Dies können wir in unserer Klinik garantieren.

Es ist hier vor allem die Frage, wie viel ein junger Kollege in dieses sehr interessante, jedoch auch aufwendige subspezifische Gebiet bereit ist, zu investieren.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass jeder Kollege, der sich mit der Shuntchirurgie beschäftigt, auch die andere Seite - den nephrologischen Alltag mit seinen Problemen, nicht zuletzt die Shuntpunktionen - kennen lernen sollte.

Th. Lehn

Mittlerweile gibt es Guidelines (Leitlinien) der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie (DGG) für die Dialyseshuntchirurgie, nach denen man sich in der Gefäßchirurgie richten soll.
Was sagen diese Leitlinien letztendlich aus?

Dr. Th. Röder

Die seitens der DGG erstellten Guidelines für die Dialyseshuntchirurgie müssen erst beweisen, dass sie wirklich in der täglichen Praxis hilfreich sein können und nicht nur erstellt wurden, um hier bestimmten Interessensströmungen innerhalb der deutschen Gefäßchirurgie Rechnung zu tragen.
Dass Leitlinien auch im Rahmen der Dialyseshunchirurgie sinnvoll sind, steht außer Frage, insbesondere um einem Wildwuchs auf diesem Gebiet entgegen zu wirken.

Th. Lehn

In den letzten 15 Jahren müssen zunehmend Patienten mit einem Shunt versorgt werden, deren Gefäßsystem durch zusätzliche Erkrankungen, wie den Diabetes mellitus, den arteriellen Bluthochdruck, die Fettleibigkeit sowie schwere Arteriosklerose, in erheblichem Maße vorgeschädigt ist. Dies erfordert viel Geschick und Erfahrung des Shuntchirurgen, um dennoch eine notwendige Lebensader zu installieren
Aber auch ein großer Teil von Langzeitpatienten kommt zu Ihnen, weil sie „ausoperiert“ sind und Ihre Kollegen nicht mehr weiter wissen. Nach dem Motto: „Wenn nichts mehr geht, schicke ich den Patienten zum Kollegen Shuntspezialisten.“

In erster Linie revidieren Sie dann die Shunts, die von Haus aus schwer zu operieren sind oder Sie führen Shuntkorrekturen bei voroperierten Patienten durch. Wie beurteilen Sie dies?

Dr. Th. Röder

In der Tat hat sich das Patientenklientel bezüglich seiner Vorerkrankungen in den letzten 15 Jahren massiv verändert. Durch die von Ihnen schon angeführten häufig bestehenden Vorerkrankungen kommt es zunehmend zu einer Schädigung insbesondere des arteriellen Gefäßsystems, die es in vielen Fällen nur mehr begrenzt gestattet, periphere Dialyseshunts in Form von körpereigener Shunts anzulegen.

Erschwerend kommt hinzu, dass oftmals durch medizinische Nachbardisziplinen das venöse System aufgebraucht bzw. das arterielle System geschädigt wurde. Ich denke hier an die kardiochirurgisch erforderlichen Entnahmen der Vena saphena magna oder aber die Schädigung, insbesondere der Arteria radialis und Arteria femoralis, z.B. durch die Kardiologen, Radiologen und Intensivmediziner. ,

Sie sprechen davon, dass auch ein Teil von Langzeitpatienten in unsere Klinik kommt, weil sie „ausoperiert“ seien. Ich vermeide den Begriff des „Ausoperiertseins“ bewusst, da ich der Meinung bin, dass es keine ausoperierten Patienten mehr gibt. Technisch machbar ist in meinen Augen immer die Anlage eines Dialyseshunts; die Frage ist, ob es dem Patienten zumutbar ist oder nicht. Das heißt im Klartext, ich muss mir darüber präoperativ im Klaren sein, ob ich mit dem von mir geplanten Eingriff dem Patienten nutze oder schade.

Es liegt in der Natur der Sache, dass man für die Patienten, die zu Revisionseingriffen in unser Zentrum kommen, große Erfahrungen im shuntchirurgieschen Geschäft benötigt, wobei ich hier ausdrücklich nicht von „Fehlern“ anderer shuntchirurgisch tätiger Kollegen ausgehe.

Ich halte es für richtig, dass Patienten mit mehrfachen Voroperationen oder von vornherein schwierigsten Gefäßverhältnissen in Zentren vorgestellt werden, die über entsprechende Erfahrung auf dem gesamten Gebiet der Dialyseshuntchirurgie verfügen.

Th. Lehn

Die Erwartungen von uns Patienten an die fachliche Kompetenz des Shuntchirurgen sind recht hoch. Eine gut laufende Lebensader ist der Garant für eine effektive Dialyse und daraus resultierend eine gute Lebensqualität mit weniger Gesundheitseinbußen. Sie sind bei jedem Patienten, der bei Ihnen an die Tür klopft, neu gefordert. Wie ist die Vorbereitungsphase speziell bei diesen schwierigen Patienten? Welche erforderlichen Untersuchungen werden durchgeführt?

Dr. Th. Röder

Die Erwartung der Patienten, die zu uns kommen, ist verständlicherweise hoch, in der Hoffnung, dass wir ihnen helfen können. Es gilt hier die Erwartungen unserer Patienten schon in der Vorbereitungs- und Abklärungsphase nicht zu enttäuschen. Dies jedoch realitätsbezogen zu tun und ihnen vor allen Dingen den erforderlichen Zeitaufwand entgegen zu bringen, der ihnen zusteht. Der Dialysepatient muss zu seinem Operateur nicht nur gefühlsmäßiges Vertrauen entwickeln, sondern er muss davon überzeugt sein, dass sein Operateur das Handwerk versteht.
Hierzu gehören die eingehende klinische Untersuchung sowie eine duplexsonographische Untersuchung mit einem sich daran anschließenden ausführlichen Abschlussgespräch über die Operation und die zu erwartende Shuntentwicklung.
Im Einzelfall sind mit dem Patienten erforderliche Spezialuntersuchungen wie MR bzw. CT-Angio oder DSA zu besprechen und auch zu erklären.

Th. Lehn

Wir haben über die chirurgischen Maßnahmen bei schwierigen Patienten gesprochen. Erfordert der Dialysepatient nicht auch einen besonderen pflegerischen Umgang seitens aller Beteiligten, sowohl in der Pflege als auch auf ärztlichem Gebiet?

Sie fordern in Ihrem Vortrag eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit, da nur hierdurch das Optimum an Erfolg für den Patienten erzielt werden kann. Was meinen Sie damit?

Dr. Th. Röder

Der pflegerische Umgang mit dem Dialysepatienten ist meines Erachtens von herausragender Bedeutung, sowohl im Rahmen der Dialyseshuntchirurgie als auch insbesondere in den Dialysezentren durch das Dialysefachpersonal. Sie kennen meine Meinung, die ich nahezu auf jedem Kongress zum besten gebe, dass für eine umfassende und erfolgreiche Dialyseshuntchirurgie die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Ärzten - Nephrologen, Shuntchirurgen, Anästhesisten und Intensivmedizinern - und insbesondere dem Patienten als Hauptperson unabdingbar ist. Die schließt die pflegerische Betreuung uneingeschränkt mit ein.

Th. Lehn

Als Patient im Prä-Dialysestadium muss man frühzeitig einen Dialyseshunt bekommen. Was raten Sie diesem Patienten und vor allem wie findet ein solcher Patient in seiner Region einen guten Shuntchirurgen, der ihm eine langlebige Lebensader anlegen kann.

Dr. Th. Röder

Der Hinweis auf eine qualifizierte shuntchirugische Abteilung sollte im Rahmen eines Informationsgespräches durch den behandelnden Nephrologen erfolgen, oder aber durch den Klick ins Internet. Aus diesem Grund sind Ihre Shuntseiten von außerordentlicher Bedeutung für Ihre Mitpatienten. Ich kann Sie hierzu nur beglückwünschen und Sie ermutigen, diese Homepage weiter auszubauen und aktuell zu halten.

Th. Lehn

Sie sagten in einem Seminar, dass der Dialysepatient für die Erhaltung seiner Lebensader mit verantwortlich sei. Wie meinen Sie das?

Dr. Th. Röder

Selbstverständlich hat nach meiner Meinung der Dialysepatient eine nicht unerhebliche Verantwortung für die Erhaltung seines Dialyseshunts - „seiner Lebensader“. Damit meine ich, dass der nierenkranke dialysepflichtige Patient, der die entsprechende Einsicht in seine Erkrankung hat, auch die Verpflichtung hat, seine Lebensader täglich morgens und abends per Stethoskop oder Abtastung zu kontrollieren und durchaus auch darauf hinwirken sollte, dass seine Shuntvene in einer entsprechenden Technik, z.B. „der Strickleiterpunktionstechnik“, punktiert wird. Des Weiteren sollten ihm hygienische Maßnahmen, wie das sterile Handling seines Shunts, vertraut und vor allem auch wichtig sein.

Th. Lehn

Gab es auf dem Shuntsektor in den letzten Jahren grundlegende Erneuerungen oder Verbesserung?

Dr. Th. Röder

Nein. Ich glaube, dies kann man aus tiefster Überzeugung sagen, dass es in den letzten Jahren keine grundlegenden Neuerungen auf dem Gebiet gegeben hat, wobei es immer wieder Kollegen zu geben scheint, die glauben das Rad zum 5.Mal neu erfinden zu müssen.

Foto: HELIOS Klinik Dialyseshuntchirurgie Blankenhain,
v.l.: Ernst Ullrich Metzler, NZN in H.-Münden, Dr. M. Liebetrau, Heliosklinik in Blankenhain, Thomas Lehn; Ingelheim

Th. Lehn

Zum Schluss würde ich Ihnen gerne eine private Frage stellen. Ihre Patienten würden sicher gerne wissen - natürlich ich auch - wie Sie Ihren täglichen Stress kompensieren? Wie verbringen Sie Ihre Freizeit und woher schöpfen Sie Ihre Kraft? Haben Sie daneben noch Zeit für Ihre Familie und für Hobbys?

Dr. Th. Röder

Dies ist eine gute Frage, Herr Lehn. Ich bin in der glücklichen Lage, meinen Beruf, den ich jederzeit wieder ergreifen würde, auch nach 30 Jahren immer noch zu lieben und gerne auszuüben. Hierdurch wird der natürlich täglich vorhandene Stress reduziert, frei nach dem Motto: „ Dinge, die Freude machen, erzeugen relativ wenig Stress“. Ich glaube, dass zu der Berufsausübung, wie ich sie verstehe, ein Quantum an Verrücktheit gehört, welches auch meine Frau, mit der ich nunmehr über 33 Jahre verheiratet bin, akzeptiert hat. Gleichwohl versuche ich natürlich in der mir gegebenen Freizeit Kraft zu tanken. Hierbei hilft mir vor allem meine Familie sowie im Winter der Skilauf und im Sommer ein entspannter Urlaub mit meiner Frau.

Des Weiteren bin ich leidenschaftlicher Angler, komme jedoch leider in der letzten Zeit immer seltener dazu dieses Hobby auszuüben. Ich bin jedoch fest entschlossen, dieses wieder mehr zu aktivieren.

Th. Lehn

Ich bedanke mich für Ihre interessante Antworten. Außerdem möchte ich Ihnen „Im Namen meiner Mitpatienten“ für Ihr Engagement danken, nicht zuletzt dafür, dass Sie mir mit Ihrem fachlichen Rat bei der Ausarbeitung der Dialyseshunt-Themen in den Faltblättern, die ich im Rahmen der Patienten Shunt Akademie veröffentliche, zur Seite stehen.

Internetartikel über das Dialyseshunt-Fachsymposium 2009

Artikel aus f i t (Fresenius Zeitung) über das Dialyseshunt-Fachsymposium 2009